| Zeitschrift: Die Zeit |
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vom 24.10.1997 |
| Autor: Jörg Albrecht |
Am Sonntag starten Schumi und Konsorten im spanischen Jerez zum letzten Rennen der Saison. Aber wenn die Profis pausieren, kann jeder Laie in der Provence noch mal richtig Gummi geben - in einem echten Formel-1-Wagen.
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Ich werde gegen die Cockpit-Innenwand gepresst. Das ist schlecht. Denn da ist der Schalthebel, den ich jetzt dringend betätigen müsste. Blöd, dass ich gerade auf eine steile Rechtskurve zurase.
Theoretisch kann ein Formel-1-Wagen kopfüber unter der Decke fahren. Praktisch versuche ich nur, das Zittern im rechten Fuß zu kontrollieren.
Es gibt Sportarten, die sind mir irgendwie fremd. Zum Beispiel Automobile mit hoher Geschwindigkeit über einen Rundkurs zu hetzen. Nirgends hinzuwollen, aber das in einem Affentempo - wer wäre nicht gern mal dabei?
Kein Problem. "Formel 1, das ultimative Erlebnis", wirbt der Schweizer Veranstalter Walter Ackermann, "erfüllen Sie sich Ihren Bubentraum!" Für 3950 Schweizer Franken, Anreise extra, "Rein ins Cockpit, raus auf die Piste, mit sportlichem wum- wwuumm-wwwuuummm!"
Allein dafür gehört einem schon der Führerschein entzogen.
Führerschein ist Voraussetzung. Sonst nicht viel. Man sollte nicht mehr als hundert Kilo wiegen, nicht über 1,96 m groß sein sowie körperlich und geistig gesund. Kriterien, die wir allesamt spielend erfüllen, während wir uns an diesem Morgen beim Circuit du Luc besammeln, wie der Schweizer sagt. Draußen wabern Frühnebel über die südfranzösischen Mauren, drinnen in der Montagehalle riecht es dezent nach Gummi und Öl, alles blitzsauber und aufgeräumt und vor allem: schön still. Das wird sich bald ändern.
Wir mustern uns gegenseitig in unseren blauen Rennoveralls, der Frank ist da, der Hans und der Andreas und der Chris und ich natürlich, ich Blödmann. Wie es schon im Kinderbuch heißt: Der kleine Bär wollte so gern mal zur Schule gehen. Aber dann kamen ihm doch Bedenken. Zu spät.
Walter Ackermann heißt uns in seiner Schweizer Art herzlich willkommen und rät, vorläufig alles zu vergessen, was man meint, über das Autofahren zu wissen. So ein Rennwagen sei eine komplexe Angelegenheit. Schon ein Opel Lotus für die Formel 3, erst recht, bitte umdrehen, dieser F-1-Monoposto mit Hewland-6-Gang-Getriebe, Carbonbremsen und Goodyear-Slicks, Leistungsgewicht 0,7 Kilogramm pro PS. Fünf Millimeter Bodenfreiheit. "Ein Quantensprung!" Walter macht eine Pause. Wir lassen das auf uns wirken.
Die Fahrzeuge stammen aus dem Rennstall AGS, der bis 1991 um Weltmeisterschaftspunkte fuhr. Mit Dalmas, Tarquini, Moreno am Steuer. Alle entschieden zu langsam. Jedenfalls ging der Laden in Konkurs. Jetzt dürfen wir mal erleben, wie es zur Sache geht. Damit keiner auf die Idee kommt, den Rundenrekord zu brechen, sind Stoppuhren verboten. Unfälle auch. Ungemein beruhigend. Genau wie das himmelsblaue Rennwagendekor mit den hübschen Streifen. Nur die fetten Reifen und das Geflügel vorn und hinten wirken irgendwie, nun ja, gemein.
"Gas geben kann jeder Idiot", dämpft Walter die Vorfreude, "hier könnt ihr bremsen lernen." Ob es exakt das ist, weswegen Hans und die anderen hierhergekommen sind, bleibt vorerst im Raum. Denn zweitens erklärt uns Walter die Sache mit dem Zwischengas, wie man dezidiert die Gänge hineinlegt, nicht etwa würgt oder schlenzt, und dass wir bitte daran denken sollen, dass ein Satz Bremsbeläge 8000 Mark kostet und eine Kupplung das Doppelte. Den Asphalt sollen wir möglichst nicht verlassen, weil dann gleich der Unterboden hin ist. Alles nickt. Arzt und Feuerwehr stehen an der Strecke.
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Die gehen wir jetzt besichtigen. Hübsch gemächlich mit dem Mannschaftsbus. Wrumm, wruumm, wruuummm, sollen wir im Geiste schon mal mitfahren. Hans wechselt die Gesichtsfarbe nach Violett. Ich sage mir, dass alles vorübergeht, auch diese Geschichte hier. Der Circuit du Luc en Provence ist 2,2 km lang und weist eine große Kurve, eine tückische Kurve und eine S-Kurve auf. Sowie eine Doppelrechte und eine Baumgruppe. Mir nicht neu. Ich habe den Kurs bereits vorsorglich besucht. Um wildgewordenen Familienvätern zuzuschauen, wie sie, anstatt mit Onkel, Tante und den lieben Kleinen nach guter französischer Tradition ein gepflegtes Sonntagmittagessen einzunehmen, ihre aufgemotzten Rennpappen á la Renault im Höllentempo durch die Gegend heizen. Ich und der Fotograf haben uns das vorsorglich angesehen. Spontaner Kommentar: "Ach du Scheiße!"
Unter Motorsportfreunden heißt das: sich mental vorbereiten.
Jetzt, wie versprochen, zum Bremsen das längste Stück auf dem Circuit du Luc geht 500 Meter geradeaus. Da gibt man vorher, logisch, erst mal Saures. Ein, zwei Sekunden lang. Und dann heißt es bremsen, bremsen, bremsen, bremsen, bremsen, auskuppeln, immer noch bremsen, aber mit dem rechten Außenrist gleichzeitig dreimal kräftig Zwischengas geben, vierter, dritter, zweiter Gang, zack, zack, zack. Das alles natürlich noch vor der tückischen Rechtskurve. Wir üben das erst mal mit dem Formel-3-Opel.
Ein Opel, das weiß ich von früher, ist ein Auto, das von freundlichen älteren Herren mit Hut und Mantel gefahren wird. Hier trägt man Helm, faltet sich rein in das Cockpit und wird vom Mechaniker festmontiert, bis man gerade noch ans Lenkrad kommt.
Die Sonne steht mittlerweile, höher über dem Maurenmassiv, der Asphalt ist schön trocken, und so ein fetter, profilloser Reifen klebt ja auch gleich ganz anders auf der Straße. Wie schnell hebt Leichtsinn sein freches Haupt: Hoppla, jetzt komm' ich, Graf Berghe von Trips von der Gasanstalt. Kleine Sandkörner stieben mir ins Gesicht. Daraus folgt: Routinierte Formel-3-Piloten klappen das Helmvisier runter, bevor sie die Sau rauslassen. Der Laie will bloß immer wissen, wie schnell so was fährt. Keine Ahnung, muss ich sagen. Jederzeit schnell genug.
Autobahnkurve, Baumgruppe, S-Kurve, Doppelrechte, dann Saures, und mit einem schönen Gruß vom Getriebe, krach, krach, krach, würge bzw. schlenze ich die Gänge runter. Jean-Claude, der Chefmechaniker, leidet, was sich in jähen Wutausbrüchen äußert. Nach der achten Runde kommt etwas mehr System in die Sache, nach der fünfzehnten Runde habe ich begriffen, dass die kleinen roten Hütchen auf der Strecke nicht da rumstehen, weil Bauarbeiten sind, sondern weil man genau an dieser Stelle lenken soll oder bremsen oder eine Tangente steuern, was weiß ich. Die vorletzte Runde geht beinahe wie geschmiert.
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Der Hans und der Andreas und der Franz sind auch ganz zufrieden mit sich und ihrer Fahrkunst. "Vom Leischtungsgewicht", weiß der Chris, "geht des ab wie de Eff fiertzsch." Privat fährt er "Posche", und zwar "uffm Hoggeheim". Ab und zu Adrenalin muss sein: "Denn hol isch mei Ding raus un geb's mir."
Dann kommt "die Stunde der Wahrheit". Walter rät noch einmal, das Ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: "Ihr habt nur einen einzigen Gegner, euren rechten Fuß." Wenn der zittern sollte, was verständlich sei, könnte es helfen, ihn gegen das Cockpit zu pressen. Ansonsten habe er noch keinen erlebt, der cool bliebe, wenn hinter ihm 650 PS zu brüllendem Leben erweckt würden. Wir sehen uns alle nicht in die Augen und beschließen, cool zu bleiben.
Die Sonne steht inzwischen im Zenit, und die fernen Hügel des Maurenmassivs liegen unter bläulichem Dunst. Jean-Claude verliest die Startliste, es hört sich an wie die Reihenfolge zum Schafott. Da stehe ich also in meiner himmelblauen Rennkombi und habe es nicht anders gewollt. Motorsport muss in kurzer Zeit blöde machen, sonst käme ich auf die naheliegende Idee, daß mich eigentlich niemand zwingen kann, in dieses Ding einzusteigen. Aber verbringt man eine Weile mit dem Helm auf dem Kopf in der südfranzösischen Mittagssonne, kocht das jeden Gedanken weich.
Ergeben lasse ich mich vom Mechaniker festzurren. Schalte die Zündung ein, was eine Benzinpumpe widerliche Geräusche machen lässt. Gebe zirka fünf Millimeter Gas und fuchtele mit der Hand über meinem Kopf herum. Das soll "anlassen!" heißen. Einen Anlasser gibt es nicht, das besorgt der Mechaniker mit einem Stoß aus der Preßluftflasche. In diesem Moment, hat Walter Ackermann uns eingeschärft, sollte möglichst kein Gang eingelegt sein. Das Auto schreit auf, was man verstehen kann. Der Mechaniker dirigiert "Gas geben!", was sich leichter anhört, als es ist. Bei 6000 Umdrehungen, wo vernünftigerweise Schluss sein sollte, liegt die ideale Drehzahl für den Start. Ein sehr großer Schwarm sehr böser Hornissen, die sich prestissimo von hinten auf einen stürzen, ist ein schwacher Vergleich. Kupplung treten und im zweiten Gang sachte kommen lassen - bitte sehr, schon rollt man auf die Piste, immer eingedenk der Warnung, daß ein unbedachter Gasstoß das Fahrzeug auf dem Fleck in einer stinkenden Rauchwolke um die eigene Achse rotieren lassen würde.
Und dann? Dann geht sie ab, die Luzie. Eine Andeutung mit dem Gaspedal, und in Null Komma nichts bekommt man alle Hände voll zu tun. Das Ding will geradeaus, getreu dem alten Grundsatz der Mechanik, nach dem jeder Körper seine Richtung beibehält, wenn er nicht durch gegenteilige Kräfte gezwungen wird, seinen Bewegungszustand zu ändern. Die gegenteilige Kraft bin ich, der am Lenkrad zerrt und nach links in die Kurve will. Was mir sofort zeigt, daß man gar nicht fest genug festgezurrt sein kann. Weil der eigenen Körper dann, ebenfalls den Gesetzen der Physik folgend, nach rechts gegen die Innenwand des Cockpits gepreßt wird. Was wiederum schlecht ist, denn da befindet sich der Schalthebel, den ich jetzt dringend betätigen müsste. Ein mieses kleines Stück Metallknüppel, der dritte Gang da, wo eigentlich der erste zu sein hat. Der sechste konsequenterweise, wo der vierte hingehört, der vierte vertritt den zweiten und der fünfte den dritten. Normal, wenn man nichts anderes kennt. Blöd, wenn man gerade mit einem Affenzahn auf die nächste steile Rechtskurve zusteuert, hinter der jede Menge Schleuderspuren deutlich machen, daß dort möglicherweise ein Problem lauert. Was einem eben alles durch den Kopf geht, bis mir, Spitzengedanke! einfällt, daß die Konstrukteure schließlich eine Bremse eingebaut haben. Bremsen soll man allerdings nie in der Kurve, immer nur vorher, und so darf ich mich rühmen, gleich vom Start weg eine völlig neue Kurventechnik für die Formel 1 entwickelt zu haben: mit angelegten Ohren und im Leerlauf.
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Hoppelnd wie ein Karnickel absolviere ich die nächsten Kilometer. Aber auch das Ärgste verliert durch Wiederholung an Schrecken. Hin und wieder sitzt an der richtigen Stelle sogar der richtige Gang drin. Schon juckt wieder die Unvernunft. Dann jodle ich auf die nächste Kurve zu und darf mich anschließend der Verzögerungskraft einer Carbonbremse hingeben. Der Kopf geht immer mit, links, rechts, vor, zurück, weshalb Profis wahrscheinlich mit der Zeit einen ziemlich dicken Hals bekommen. Die Baumgruppe, der Snackstand, die Montagehalle grüßen allmählich wie alte Bekannte. Immer voll im Visier die beiden Vorderräder. Erfreulicherweise herrscht kein Gegenverkehr. Denn selbst unbewegte Objekte nähern sich längs der Geraden mit erschreckender Geschwindigkeit, was auf anschauliche Weise die Relativitätstheorie bestätigt.
"Wie schnell fährt denn so ein Formel 1?" wollen alle wissen. Ich kann nur sagen: je nachdem. Ab 8000 Umdrehungen wird der Wagen angeblich giftig. Bei 11000 richtig fies. Beschleunigt in 2,2 Sekunden nicht von 0 auf 100, sondern von 100 auf 200. Theoretisch kann er dann auch kopfüber an der Decke langfahren. Ich will nicht behaupten, daß ich das voll ausgereizt hätte. Praktisch war ich die meiste Zeit damit beschäftigt, das Zittern im rechten Fuß in den Griff zu kriegen.
Jean-Claude stirbt mehrere Mechanikertode, während der Hans und der Andreas und der Frank und der Chris und ich uns "die Kante geben", wie man unter Motorsportfreunden so sagt. Um dann nach vier, acht, zwölf Runden gelassen wie nichts Gutes wieder in die Boxengasse zu rollen. Tod, wo ist dein Stachel? Hier kommt der Held heim zu Weib und Kind, schweißgebadet, aber noch am Stück. Frauen, schrieb mal eine Frauenzeitschrift, lieben diesen Killerinstinkt, bewundern die "Ruhe eines Chirurgen und den Mut eines Astronauten", die es in diesem Gewerbe halt braucht. Und wenn wir Formel-1-Piloten sie dann mit stählerner Konzentration aus den Schlitzen unserer Helme anschauen, dann sei das "ein Blick ganz tief ins Herz". Kerl, wo kriegt man das sonst noch?
Auf jeden Fall wird nach dem "ultimativen Erlebnis" sehr viel getätschelt und auf die Schultern geklopft und getan und gemacht. "Geil" lautet einstimmig das Urteil. Nur Jacques Villeneuve könnte es vielleicht noch besser formulieren. Ich will mal so sagen: Schön ist es, auf der Welt zu sein. Schön ist es in einen Ford Kombi zu steigen und mit Hut und Mantel als lebendes Verkehrshindernis über die Straßen der Provence zu schleichen. Schön ist es, die Fähre über die Bucht von Saint-Tropez zu nehmen und dabei dem Schiffsdiesel zu lauschen. Dann am Hafen nur noch so dazusitzen und zu beobachten, wie einer vor Publikum versucht, mit dem Ferrari rückwärts einzuparken. Es gibt viele Methoden, sich am Leben zu erfreuen. Das ist nur eine davon.
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