| Zeitschrift: Stern |
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vom 02.04.1998 |
| Autor: Stefanie Rosenkranz |
Mal bei vollen Touren den großen Rausch im Grand-Prix-Renner erleben - ein Wochenende mit Kick
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Wrumm, wrumm, wrumm! ruft ein erwachsender Mann, während acht andere ihn andächtig anstarren. Wrrrrruuuummmm! Und dann: wrömm, wrömm, wrömm! Wrrrrrööööömmmm! Wrööhööhöhöm!
Ort des Geschehens ist ein Gebäude nahe der Rennstrecke "Circuit du Var" in der Provence. Die Männer, die gebannt dem Geröhre lauschen, machen keine Urschrei-Therapie, sondern lernen gerade, wie es sich anhört, wenn ein Formel-1-Bolide 6000 Touren erreicht. In wenigen Minuten werden sie selbst einen steuern und sich damit einen Traum erfüllen. Oder ist es vielleicht ein Alptraum? "Merken Sie sich: Gas geben kann jeder Trottel! Bremsen ist die hohe Kunst des Rennsports! Wenn Sie das nicht beherrschen, landen sie mit 270 Stundenkilometern im Kiesbett!" schärft ihnen der resolute Schweizer Walter Ackermann ein.
Der ist Unternehmensberater im Ruhestand und leidenschaftlicher Autofan. Als vor ein paar Jahren der französische Rennstall AGS mangels Sponsoren Pleite machte, kaufte er zusammen mit anderen Investoren das Unternehmen und verwandelte es in die einzige Formel-1-Fahrschule der Welt. Seither kann hier jedermann auskosten, was es bedeutet, binnen 2,2 Sekunden von 100 auf 200 Stundenkilometer katapultiert zu werden. Oder vielleicht auch erfahren, was für ein Gefühl es ist, "fünf Meter hoch in die Luft zu sausen und anschließend auf die Leitplanke zu krachen", wie Ackermann jetzt sagt.
Um die ehemaligen Grand-Prix-Wagen zu steuern, in denen noch vor einigen Jahren Profi-Piloten WM-Punkte sammelten, braucht man außer einer gehörigen Portion Geld - fast 3000 Schweizer Franken kostet das billigste Angebot mit vier rasenden Runden Formel 1, Warmfahren im Formel-3-Auto und zwei Hotelübernachtungen inklusive - lediglich einen Führerschein. Über 100 kg wiegen und größer als 1,96 m sein darf man freilich auch nicht. Denn wer diese Maße sprengt, paßtin die engen Gefährte nicht rein.
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Die Kursteilnehmer kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und "gehören wohl alle zu der Sorte von Männern, die schon als Kinder immer Auto-Quartett gespielt oder an Seifenkisten gebastelt haben", mutmaßt Lutz. Der ist im normalen Leben Herausgeber einer Fachzeitschrift für Architektur und trifft sich regelmäßig mit Freunden am Stammtisch, "wo wir virtuell dann alle besser fahren als Schumi. Ich wollte immer mal probieren, ob's stimmt". Jetzt trägt er, wie die anderen Kurzteilnehmer auch, einen blauen Overall, dünne, weiche Rennschuhe und wird zusehends blasser um die Nase, während Ackermann raunzt: "Sie haben zwar eine unbegrenzte Haftpflichtversicherung, aber wenn Sie uns hier blöd fahrlässig einen Wagen zerlegen, zahlen Sie´s selbst. Macht eine Million Mark."
Am Morgen haben sie alle zum Eingewöhnen schon 25 Runden auf der zwei Kilometer langen Strecke in Formel-3-Rennern zurückgelegt. Da spürten sie zum erstenmal, wie schwer es ist, beengt wie eine Ölsardine in der Büchse und mehr liegend als sitzend eine Gangschaltung zu betätigen, dabei Zwischengas zu geben und gleichzeitig drauf zu achten, nicht aus Versehen auf die nur wenige Zentimeter entfernte Bremse zu treten. "Vergessen Sie alles, was Sie je über sportliches Fahren gelernt haben", bleuten Ackermann und zwei französische Fahrlehrer ihnen immer wieder ein, "machen Sie alles mit Schwung, nur das Gasgeben nicht!"
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Doch jetzt steht ihnen bevor, was Ackermann "den Quantensprung" nennt. Nämlich der Übergang von 180 auf 650 PS. "Formel 1 fahren, das ist wie Gassigehen mit einem Tyrannosaurus Rex. Der macht mit Ihnen, was er will, wenn Sie nicht aufpassen. Ihr Gegner ist Ihr rechter Fuß auf dem Gas. Stellen Sie sich also vor, dass ein rohes Ei auf dem Pedal liegt, sonst fliegen Sie weg."
Dann verfrachtet er seine stiller gewordenen Schüler in einen Minibus, saust mit ihnen noch zweimal die Strecke ab, verweist auf den Ort, wo es im vergangenen Jahr einen Schweizer Hotelier mit Karacho aus der Kurve trug. "Totalschaden", brummt Ackermann, wobei nicht ganz klar ist, ob es sich ums Auto oder um den Fahrer handelt - sagt als letztes: "Heute wissen, warum Schumacher oder Villeneuve so viel Geld verdienen."
Während der 30-jährige Kaufmann Wolfgang aus Stuttgart unter der Obhut von vier Mechanikern, zwei Feuerwehrmännern und einem Arzt als erster angegurtet wird, lehnen die anderen betont lässig an der Leitplanke, fachsimpeln über die Heizdecken, mit denen die reifen vorgewärmt werden, fühlen sich wie beim Grnad Prix und blicken lächelnd in die Kameras ihrer Ehefrauen, die pflichtbewußt ihre Möchtegern-Schumis filmen. Falls es den Begleitpersonen zu langweilig wird, können sie erfahren, wie sich ein Küchenhandtuch im Schleudergang der Waschmaschine fühlt, indem sie sich zwei Runden mit 270 Stundenkilometern in einem Spice-Sport-Prototyp über die Strecke brausen lassen.
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"Schlimmer als Achterbahn fahren kann es ja eigentlich nicht sein", hofft Lutz, während Wolfgangs Motor mit Pressluft gestartet wird. Andreas aus Weimar fällt plötzlich ein, dass sein erstes Auto, ein Trabi, "eigentlich gar nicht schlecht war".
Inzwischen saust Wolfgang von dannen wie eine Rakete und dreht gekonnt seine Runden. Ackermann lobt ihn aus der Ferne - auch dafür, dass er schnell fährt. "Zwar sage ich ihnen immer wieder, dass sie kaum Gas geben dürfen, damit sie keinen Unsinn machen", erklärt er, "denn bei mir sind zwar noch nie Menschen zu Schaden gekommen. Aber es ist doch schade, wenn sie keine 8000 Umdrehungen erreichen. Denn dann kommt erst der riesengroße Rausch."
Als Wolfgang ins Ziel einfährt, muss er erst mal nach Luft schnappen. Dann blubbert er: "Uch, war das Wahnsinn! Man kann gar nicht so schnell denken, wie man fährt." Den anderen ergeht es später ähnlich. Selbst Lutz, den es wegen eines Schaltfehlers aus der Kurve und ins Gebüsch getragen hat, platzt vor Begeisterung. "Es ist, als ob man ein Symphonieorchester dirigiert."
Noch bestandener Höllenfahrt gibt es Champagner, eine Urkunde und eine Videocassette für die Helden. Während die versuchen, das Zittern in den Knien loszuwerden und gleichzeitig schon über eine neue Reise in die Provence nachdenken, erzählt Ackermann von seinem bislang exzentrischsten Schüler. "Der fuhr vor in einem Ferrari Testarossa, stieg in den Formel-1-Wagen und drehte anschließend zwölf Runden für fast 5000 Franken mit 80 Stundenkilometern. Das muss man sich mal vorstellen! Danach erzählte er, dass er schnelle Autos zwar liebt, aber mit seinem Ferrari nie schneller als 60 fährt.
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